Implikationen digitaler Ökosysteme und Plattformen für Versicherer

Teil 4 des Insurance Strategy Talk – Digitale Ökosysteme mit Sibylle Fischer, Dr. Stefan Knoll, Joerg-Tobias Hinterthür, Harrschar und Karl Heinz Passler

Digitale Ökosysteme und Plattformen sind in aller Munde. Es heißt, dass Versicherer die nicht mitmachen ihre Zukunft riskieren. Aber was ist daran wirklich neu? Geht es nur um einen neuen Vertriebsweg? Was bedeutet das konkret für deutsche Versicherer?

Anmerkungen: Dieser Artikel repräsentiert den vierten Teil der Veranstaltung „Insurance Strategy Talk“ vom März 2020. Aufgrund der Corona-Einschränkungen wurde der Talk als Home-Office Edition durchgeführt. Der Text basiert auf der Transkription des Webinar-Videos und wurde zur besseren Lesbarkeit sowie Übersichtlichkeit angepasst. Eine ungekürzte Fassung steht als Video und Podcast zur Verfügung.

Überblick

  • Was ist Embedded Insurance?

  • Sind digitale Ökosysteme für Versicherer etwas neues?

  • Sind Ökosysteme nichts weiter als neue Vertriebskanäle?

  • Haben kleine Versicherer in Ökosystemen überhaupt eine Chance?

  • Fünf Erkenntnisse aus dem Panel


Was ist Embedded Insurance?

KHP: Nach den drei Praxisberichten geht es nun in unsere Podiumsdiskussion mit dem Titel "Implikationen digitaler Ökosysteme und Plattformen für Versicherer". Als erstes möchte ich unseren vierten Gast vorstellen. Herzlich willkommen Sibylle Fischer. Vielen Dank, dass Du teilnimmst und Dein Wissen und Deine Erfahrungen mit uns teilst. Für diejenigen, die Dich noch nicht kennen, bitte stelle ich kurz vor und erkläre uns kurz deine Rolle bei der Baloise Group.

Sibylle Fischer: Guten Abend an alle! Meine Aufgabe bei der Baloise (Versicherung) ist in erfolgversprechende Early-Stage Ventures (Startups) zu investieren, die später durch ihren Erfolg einen finanziellen Beitrag zur Baloise Gruppe leisten. Dabei sollen diese Startups in einem (wirtschaftlichen) Zusammenhang mit der Baloise stehen. D.h. wir investieren in Dinge, die die ganze Wertschöpfungskette der Versicherung abdecken, aber auch in Initiativen die unsere Haupt-Ökosysteme Mobility und Home unterstützen.

Zusätzlich sehe ich natürlich auch sehr viele Startups die nicht Early-Stage sind und trotzdem für unser Business interessant sind. Mit diesen versuche ich unser Business zu überzeugen Kooperationen einzugehen, um neben wirtschaftlichen Vorteilen auch ein gemeinsames Lernen zu ermöglichen. 

KHP: Ich habe gesehen, dass Du einige Artikel zum Thema Embedded Insurance geschrieben hast, also eingebettete Versicherung. Kannst Du bitte kurz berichten was Embedded Insurance ist und wie das mit Plattformen und digitalen Ökosystemen zusammenhängt?

Sibylle Fischer: Meine Hypothese ist, dass Versicherung ein todlangweiliges Produkt ist und auch immer todlangweilig bleiben wird. Ich bin persönlich nie aufgewacht und dann gedacht, heute kaufe ich mir eine Versicherung. Stattdessen habe ich immer irgendwas gemacht und dann meiner Versicherung gesagt, ich habe meine Wohnung gewechselt oder ich habe ein Auto gekauft. 

Ich glaube zwar, dass Versicherung grundsätzlich kein interessantes Produkt ist, aber trotzdem etwas ganz Wichtiges, weil es uns Peace-of-Mind bringt! Wir sind versichert falls irgendwas passiert. Man kauft eigentlich nur ein Versprechen das jemand zahlt, wenn was passiert. Man kauft sie sozusagen ein ruhiges Gewissen.

Da ich kein Auto besitze miete ich mir öfters eines. Da kaufe ich einfach die Versicherung mit. In dem Zeitpunkt an dem ich ein Auto miete bin ich vielleicht sogar bereit die höchste Deckung und null Selbstbehalt dazu zukaufen, weil ich einfach keine Scherereien haben will falls was passiert. Ich glaube also, dass es unglaublich viele Möglichkeiten gibt Versicherung einzubetten und in Services und Produkte einzubinden.

KHP: Vielen Danke Sibylle für diesen Einblick.

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Sind digitale Ökosysteme für Versicherer wirklich neu?

KHP: Warum unterhalten wir uns erst jetzt im Jahr 2020 über Ökosysteme und digitale Plattformen? Und nicht schon vor drei Jahren?

Philipp Harrschar: Eigentlich unterhalten wir uns schon länger über diese Themen, aber erst in jüngerer Zeit mit diesen speziellen Begrifflichkeiten. Wir haben auch die letzten Jahre schon über Themen wie Blockchain gesprochen, was letztendlich auch Ökosysteme sind. D.h. es läuft viel über die Begriffsbildung und in den drei vorherigen Vorträgen haben wir gesehen, dass wir die Begriffe auch unterschiedlich verwenden. Ich schaue mal nach rechts zu Herr Dr. Knoll: Ich sehe es ein bisschen anders. Sie sind mittendrin in diesem Thema Ökosysteme, zumindest so wie ich die Begriffe verstehe und Sie machen sich genau diese Gedanken zum Thema.

KHP: Seht ihr (anderen) das auch so?

Joerg-Tobias Hinterthür: Ja, absolut. Das ganze Thema Plattform und Ökosystem ist nicht so neu. Es kommt jetzt gerade wieder so ein bisschen ein Hype, vermutlich weil Blockchain zu Ende ist. Wenn man jetzt an Werkstatt-Netze im KFZ-Bereich denkt haben wir diese bereits seit Jahren, wenn nicht sogar seit Jahrzehnten. Das sind auch Ökosysteme und Plattformen in denen ich partnerschaftlichen Beziehungen habe die für alle einen Mehrwert bieten. Von daher ist das jetzt nichts bahnbrechend Neues.

Sind Ökosysteme nichts weiter als neue Vertriebskanäle?

KHP: Geht es bei Ökosystemen nur um neue Vertriebskanäle? 

Dr. Stefan Knoll: Ein Ökosystem ist das, was Apple aufgebaut hat, so dass man sich in diesem System aufhält und nicht mehr herauskommt. Ähnlich wie bei einem Flipperautomaten, bei dem die Kugel immer weitergeschoben wird. Das ist für mich ein Ökosystem, aber dazu sind Versicherer nicht in der Lage. Sie werden dies nie aufbauen können, sondern Kooperationen eingehen. Wir werden Vertriebskooperation haben wie z.B. mit einem Autovermieter, der typischerweise die Versicherung mit anbietet. Und diese wird dann zuzusagen eingebettet.

Wir sind nun mal nicht die erste Wahl, wenn es um die Befriedigung von Bedürfnissen geht. Deshalb werden wir kein Ökosystem aufbauen können im klassischen Sinne, wenn ich Apple oder Amazon als Maßstab nehme. Was wir in der Lage sind ist unterschiedliche Formen von Vertriebswegen zu organisieren. Und da ist mal eine Versicherung ganz offensichtlich enthalten und manchmal ist sie auf den ersten Blick nicht zu sehen aber enthalten. 

KHP:Meiner Meinung nach steckt in Ökosystemen mehr als nur ein Vertriebskanal. Ich glaube, dass die Zurich und der Mannschaft von Tobias Hinterthür viele Dinge machst, die wir klassischen Versicherer gar nicht nachmachen könnten. Tobias, Ihr arbeitet ja an Datenauswertungen und ähnlichen Dingen, richtig?

Joerg-Tobias Hinterthür: In Teilen bin ich bei Herrn Dr. Knoll, ein Ökosystem bringt neue Vertriebschancen, aber es ist kein klassischer oder ein neuer Vertriebsweg. Das fassen wir bei der Zurich viel weiter. Wenn ich vom Kunden her denke geht es darum, etwas von verschiedenen Partnern zusammenzubringen das Kundenbedürfnisse abdeckt, die ich einzeln nicht zur Verfügung habe. Das klingt jetzt ein bisschen abstrakt, aber man muss schauen welche Partner enthalten sind und auch zusammenpassen. 

Wenn wir nach Partnerschaften in Ökosystem schauen ist für uns immer wichtig, dass die Partner auch zu der Marke passen. Wenn ich die Marke sehr hoch positioniere (premium), z.B. wie beim vorherigen Mietwagenfall, dann kann ich da nicht ein Feld, Wald und Wiesen Versicherer reinpacken, da der nicht das Vertrauen bzw. die passende Marke mitbringt. Ich vertraue ja in den teureren Mietwagenanbieter, weil ich mir eine bestimmte Leistung verspreche. Wenn ich jetzt aber dahinter irgendeinen Partner habe, der da nicht reinpasst, dann macht die ganze Story keinen Sinn mehr. Habe ich aber die Gewissheit. Wenn ich den Autovermieter X nehme, dann weiß ich das auch Y als Versicherer dahintersteckt, dann macht das Sinn. Vielleicht sind da ja noch ganz andere Themen enthalten, die ich in so einem System sinnvoll miteinander verknüpfen kann. Solang der Kunde noch mehr Nutzen hat den er isoliert nicht erhalten würde. D.h. es geht aus unserer Sicht um wesentlich mehr als ein zusätzlicher Vertriebsweg. 

Das was sich verändern wird ist, das wir nicht mehr über (isolierte) Versicherungsprodukte sprechen werden, sondern über Services. Das heißt z.B. die Frage die sich beim vernetzten Wohnen stellt ist: Denke ich jetzt wirklich noch an Hausrat- und Wohngebäudeversicherung? Oder denke ich an den Service "Sicher Wohnen" und dann habe ich eine Verschmelzung von klassischen Produkten und Service-Themen. Vielleicht bekomme ich dies erst durch Daten ins Leben oder biete Services die auf diesen Daten aufbauen. Dann bin ich in diesem Plattform-Gedanken in dem ich ganz viele Partner zusammen bringe, die jeweils einen kleinen Teil einbringen, aber in der Gesamtsicht des Kunden als (nur) Ganzes sichtbar ist und was er einzelne Anbieter nicht hätte bereitstellen können.

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Haben kleine Versicherer in Ökosystemen überhaupt eine Chance?

KHP: Eine Frage aus dem Publikum: Bleibt kleinen Versicherern in Ökosystemen nur die Rolle als Lieferant?

Sibylle Fischer: Ich glaube, dass es gibt immer Nischen gibt. Die Deutsche Familienversicherung macht es mit Ihrer Pflegeversicherung vor. Man muss nicht immer groß sein. Zwar war Größe in der Vergangenheit immer das Maß aller Dinge, aber es gibt trotzdem in Deutschland viele kleine Versicherungen die sich bis jetzt gehalten haben und sich wahrscheinlich auch in Zukunft halten werden. 

Dr. Stefan Knoll: Unter dem Sicherheitsaspekt gibt es im Grunde keinen wirklichen Unterschied zwischen den Großen und Kleinen, dafür haben wir eine Aufsicht. Sie achtet mit Argusaugen darauf, dass wir unseren Verpflichtungen gerecht werden. Und abhängig davon wie viele Kunden ich habe und wie viele Risiken ich eingehe muss ich entsprechend Kapital mitbringen. Das ist gerade jetzt in dieser Corona-Krise eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, weil dieses Geld gebunden ist und somit nicht im Vertrieb eingesetzt werden kann. Insofern ist der Unterschied zwischen Groß und Klein, aus der Sicht des Kunden, nicht erheblich. Erheblich ist aus der Sicht des Kunden, ob er das Produkt versteht, schnell abschließen kann und ob die Gesellschaften schnell leisten und zahlen können. Das ist das was der Kunde will.

Joerg-Tobias Hinterthür:Ich würde das Thema Nische noch um eins ergänzen. Wenn ich eine Nische gefunden habe und die mit einer Story gut besetzen kann, dann kann ich auch ein Ökosystem mit relativ kleinen Anbietern bauen. Ein Ökosystem bietet zudem auch die Möglichkeit, dass sich kleinere Versicherer mit ihren jeweiligen Spezialitäten zusammenfinden und gemeinsam agieren. Da sehe ich auch ganz viele Chancen, gerade für kleine, sich auch weiterhin im Markt zu halten.

Fünf wertvolle Lektionen aus der Diskussion Implikationen digitaler Ökosysteme für Versicherer

KHP: Vielen Dank liebe Diskussionsteilnehmer. Der Austausch war sehr kurzweilig und informativ. Bitte lasst uns zusammenfassen, indem jeder (s)eine heutige Lessons Learned wiedergibt. Ich habe heute gelernt, dass viele Versicherer mit Ökosystemen angefangen haben, wie unsere erste Umfrage gezeigt hat. Ich glaube, dass noch klarer werden muss was Ökosysteme und digitale Plattformen sind und was sie für Versicherungsunternehmen bedeuteten. Dann wird diesen auch klarer was sie als nächstes tun müssen. 

Sibylle Fischer: Ich war sehr überrascht, dass sich viele Versicherer nicht als Orchestrator in einem Ökosystem sehen, wie die zweite Umfrage zeigte. Zuvor habe ich das Gefühl gehabt, Versicherungen sehen sich als Hauptakteure also Orchestrierer von Ökosystemen, das war überraschend.

Joerg-Tobias Hinterthür: Durch Corona finden auf einmal sich Kooperationen, die keiner vor vier Wochen für möglich gehalten hätte. Beispiel Aldi und McDonalds. Ich glaube, dass wir ähnliches auch in unserem Markt sehen werden. Dass sich auf einmal Partner zusammenfinden mit denen keiner gerechnet hat. Von daher müssen wir einfach schauen, was dieser Plattformgedanke, der jetzt gerade en voque ist, wirklich bringt. Und wenn wir die ersten Beispiele haben kann man sagen: Das ist ein Geschäftsmodell für die Zukunft oder das war mal ein Ausflug in Trail and Error und wir bleiben bei unserem Kerngeschäft. Bin gespannt, was die Zukunft bringt.

Dr.Stefan Knoll: Die Äußerungen die ich von Ihnen Frau Fischer wahrgenommen habe veranlassen mich, dass ich mit Ihnen Kontakt aufnehme, weil wir das einzig funktionierende InsurTech sind. Und mit Ihnen, Herr Hinterthür, werde ich den Prove of Concept starten. Dann sehen wir, ob das, was Sie in der Theorie formuliert haben, in der Praxis funktioniert. Und ich wünsche Sie haben recht.

Philipp Harrschar: Ich habe auch was dazugelernt und zwar, dass wir bei der hoffentlich stattfindenden persönlichen Fortsetzung ein bisschen über andere Begrifflichkeiten sprechen, vielleicht eher über das Thema Vertriebswege, Added-Value aber auch über Themen wie Prävention. Die Home-Office Edition hat funktioniert, aber es fehlt schon was. Insofern von meiner Seite vielen Dank. Lassen sie uns dies fortsetzen Ihnen allen einen schönen Abend bis zum nächsten Mal.


Teilnehmer

Philipp Harrschar

Mirko Lorenz

Sibylle Fischer

Joerg-Tobias Hinterthür

Dr. Stefan Knoll

Karl Heinz Passler


Ressourcen

Download der Unterlagen: https://www.zuehlke.com/de/de/ueber-uns/events-messen/insurance-strategy-talk/

Insurance Strategy Talk Community auf LinkedIn: https://www.linkedin.com/groups/8917476/

Webinar Video: 

PodCast: in Planung

Teil 1 Grundlagen Plattformen & Digitale Ökosysteme - Insurance Strategy Talk; https://insurtechtalk.substack.com/p/grundlagen-plattformen-and-digitale

Teil 2 Praxisbericht: Smart Home und Versicherung – Chancen und Hürden; https://insurtechtalk.substack.com/p/praxisbericht-smart-home-und-versicherung

Teil 3 Wie die Deutsche Familiensicherung zur führenden digitalen Versicherung wurde – und warum Sie sich 2021 verdoppeln wird; https://insurtechtalk.substack.com/p/wie-die-deutsche-familiensicherung

Embedded Insurance (by Baloise Group)

Business Ecosystem; https://de.wikipedia.org/wiki/Business_Ecosystem

Predators and Prey: A New Ecology of Competition. In: Harvard Business Review. Nr. 93309, Juni 1993, S. 76.; https://hbr.org/1993/05/predators-and-prey-a-new-ecology-of-competition

Digitale Ökosysteme und Plattformökonomie – Wie positioniere ich mein Unternehmen und wie gelingt der Start? https://blog.iese.fraunhofer.de/digitale-oekosysteme-und-plattformoekonomie-unternehmen-positionieren-und-starten/

Ecosystems: Den digitalen Asteroiden überleben; https://www.zuehlke.com/blog/insurance-ecosystems-den-digitalen-asteroiden-ueberleben/

Welche Bedeutung haben Ecosystems für Versicherer? https://www.zuehlke.com/blog/insurance-welche-bedeutung-haben-ecosystems-fuer-versicherer/

Zurich SmartHome Innovation Lab; https://www.zurich.de/de-de/privatkunden/lebenswelten/wohnen/smart-home

Deutsche Familienversicherung; https://www.deutsche-familienversicherung.de/ueber-uns/unternehmen/ und https://de.wikipedia.org/wiki/DFV_Deutsche_Familienversicherung

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