Wie die Deutsche Familiensicherung zur führenden digitalen Versicherung wurde – und warum Sie sich 2021 verdoppeln wird

Teil 3 des Insurance Strategy Talk zum Thema „Digitale Ökosysteme“ mit Dr. Stefan Knoll (Vorsitzender des Vorstandes der DFV Deutsche Familienversicherung) und Karl Heinz Passler (InsurTechTalk)

In Deutschland existieren nur wenige erfolgreiche Neugründungen digitaler Versicherer. Noch seltener sind entsprechende Börsengänge (IPOs). Die DFV hat beides geschafft. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis und wie schafft sie es in 2021 ihre Prämieneinnahmen zu verdoppeln?

Anmerkungen: Dieser Artikel repräsentiert den dritte Teil der Veranstaltung „Insurance Strategy Talk“ vom März 2020. Aufgrund der Corona-Einschränkungen wurde der Talk als Home-Office Edition durchgeführt. Der Text basiert auf der Transkription des Webinar-Videos und wurde zur besseren Lesbarkeit sowie Übersichtlichkeit angepasst. Eine ungekürzte Fassung steht als Video und Podcast zur Verfügung.

Überblick

  • Die drei Erfolgsprinzipien der DFV

  • Die Erfolgsgeschichte der DFV in der Pflege-Zusatzversicherung

  • Die erste arbeitgeber-finanzierte Pflege-Zusatzversicherung


Der Erfolg der Deutsche Familiensicherung basiert auf drei Prinzipien

KHP: Im Rahmen unseres heutigen Insurance Strategy Talk darf ich nun Dr. Stefan Knoll von der Deutsche Familienversicherung begrüßen. Herr Dr. Knoll wird uns einen Einblick gewähren, wie es die Deutsche Familienversicherung geschafft hat zur führenden digitalen Versicherung zu werden und welche nächsten Schritte sie in Richtung weiteres Wachstum unternimmt. Ich bin sehr gespannt. Hallo Herr Dr. Knoll.

Dr. Stefan Knoll: Ich danke Ihnen Herr Passler. Herzlich willkommen an die Zuschauer. Wir sind (noch) ein kleines Unternehmen mit 100 Millionen Prämie, im Vergleich zur R+V (einer unserer Kooperationspartner auf die wir noch zu sprechen kommen) mit 18,5 Milliarden Euro Beitragseinnahmen. Wir haben z.Zt. 115 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und es ist erstaunlich zu welchen Leistungen uns diese befähigen. Denn in diesen 115 ist alles enthalten: Produktentwicklung, Recht, Finanzen, Schaden/Leistung und Vertrieb. 

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Wenn Sie mit einem Unternehmen beginnen war es damals nicht so, dass ihnen das Geld nachgeworfen wurde. In 2007 gab es (noch) keine Startup-Kultur und die Idee eine Versicherung zu gründen war nichts mit dem Sie Investoren begeistern konnten. Ohne eigenes Geld wäre dies gar nicht möglich gewesen. Aus diesem Grund stellte sich die Frage nach der Teilnahme an Ökosystemen überhaupt nicht. Wir waren viel zu klein und heute sind wir immer noch zu klein, um ein Ökosystem in irgendeiner Form substanziell in Eigenregie aufzubauen.

Erfolgsprinzip Nr. 1: Deshalb mussten wir über Produkte überzeugen. Dies ist uns ziemlich eindrucksvoll gelungen. Wir sind jetzt viermal hintereinander Testsieger bei der Zahnzusatzversicherung geworden. Und wir schafften es Testsieger in der Pflege, Testsieger in Krankentagegeld und sehr gut in Unfall zu erreichen. Ich fasse zusammen: Die besten Versicherungsprodukte kommen aus Frankfurt, und sie kommen von der deutschen Familienversicherung!

Erfolgsprinzip Nr. 2: Und das zweite, mit dem wir überzeugen mussten war die Digitalisierung. Bei der Digitalisierung haben wir sehr früh auf ein System gesetzt, das wir selbst entwickelt haben und das Event-basiert arbeitet. Das hört sich selbstverständlich an, aber große Versicherungsunternehmen arbeiten nicht mit Event-basierten Systemen und müssen über Nacht ihre Datenverarbeitung in einer Stapelverarbeitung vornehmen.

Wenn Sie bei uns eine Unfallversicherung haben und zum Bunjee-Springen gehen, können Sie einfach ihre (Unfall-) Versicherungssumme erhöhen. Z.B. auf dem Handy mit nur einem Finger und danach können Sie diese wieder reduzieren. Wir können extrem schnell Versicherungsschutz produzieren und unseren Kunden zur Verfügung stellen. 

Erfolgsprinzip Nr. 3: Dabei haben wir festgestellt, dass die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Digitalisierung nicht der Prozess ist, sondern ein vernünftiges Produkt. Denn wenn Sie beim Produkt keine saubere Struktur aufsetzen, die in der Tat digital ist, dann wird der Prozess es nicht verständlicher machen und dann wird es auch für die Beteiligten nicht einfacher werden.

Lassen Sie mich ein Beispiel geben. Mit der Zahnzusatzversicherung bieten wir ein Produkt an, bei dem der Kunde nicht mehr gefragt muss: Braucht er Zahnersatz, Zahnerhalt, Implantat, ist die Aufbissschine mitversichert? Bei uns ist alles versichert was der Zahnarzt macht! Der Kunde kann wählen ob er 30, 60, 90 Prozent der Erstattung von dem haben möchte, was die Kasse nicht zahlt. Das ist einfach und verständlich.

Und wenn Sie zusätzlich einen Prozess haben der auf Amazon Login und auf Amazon-Pay zugreifen kann, dann haben Sie Abschlussgeschwindigkeiten die bei unter zwei Minuten liegen. Dies ermöglicht uns noch während der Fernsehwerbung den Abschluss zu realisieren, bevor der Film wieder losgeht. Das ist moderne Digitalisierung!

Die Erfolgsgeschichte der DFV mit der Pflege-Zusatzversicherung

Was die strategische Ausrichtung des Unternehmens anbelangt will ich dies an einem Beispiel deutlich machen. Wir haben 2012 angefangen die Pflegeversicherung auf den Markt zu bringen. Bis dato war die Pflegeversicherung in Deutschland ein schlechtes Produkt, die Versicherer haben unisono Mist angeboten.

Wir haben dann eine neue Pflegeversicherung auf den Markt gebracht und wurden sofort Testsieger. Wir hatten einen enormen Vorsprung was unsere Pflegeversicherung anbelangt. Heute ist der Vorsprung nur noch ein kleiner, aber wir haben die Pflege in Deutschland vorangebracht und haben auch eine intensive Debatte um das Thema Pflegeversicherung gestartet. Denn dieses Thema ist eine große sozialpolitische Herausforderung, der wir in Deutschland entgegensehen. Irgendwann ist Corona vorbei und wir müssen uns dann Sie die Frage stellen: Was passiert mit meiner Generation? Also den Jahrgängen 55 bis 65. Wir gehen gerade in Pension und wir werden in ca. 15 Jahren Pflegefälle. Nach uns kommt (nur noch) die Hälfte der Bevölkerung. Das wird eine große Katastrophe werden. 

Insofern ist die Pflegeversicherung ein substanzielles Thema. Wir haben das bei den Gewerkschaften zur Sprache gebracht und mit der Digitalisierung bewiesen, dass wir in der Lage sind derartig komplexe Versicherungsfragen automatisiert, leicht verständlich anzubieten. 

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Die erste arbeitgeber-finanzierte Pflege-Zusatzversicherung

Nach den positiven Reaktionen in der Öffentlichkeit und der Presse, haben wir uns entschieden Ende 2018 an die Börse zu gehen und sind seitdem ein börsennotiertes Versicherungsunternehmen. Aufgrund dieser Börsennotierung ist es uns gelungen Henkel zu überzeugen als erstes Unternehmen in Deutschland eine arbeitgeber-finanzierte Pflege-Zusatzversicherung für alle ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzuführen. 

Mit dem Konzept bei Henkel war dann auch die Gewerkschaft IG BCE bereit die Forderung, nach einer arbeitgeber-finanzierten Pflegezusatzversicherung für die gesamte Chemisch-, pharmazeutische Industrie, in die Tarifverhandlungen. 

Jetzt kann man eine Linie ziehen von der Einführung der Pflegeversicherung, die Digitalisierung, IPO, Henkel bis hin zu CareFlex. CareFlex ist ein umfassendes Konzept einer Pflege-Zusatzversicherung, arbeitgeber-finanziert für insgesamt 58.000 Menschen der chemisch-, pharmazeutischen Industrie. Das machen wir zusammen mit der R+V sowie mit der Barmenia. Wir halten 35 Prozent des Konsortiums und der Beitragseinnahmen.

Jetzt wird man sich die Frage stellen: Warum sind wir als kleines Unternehmen mit dabei? Nun ganz einfach. Erstens, weil wir es erfunden haben. Zweitens, weil wir die beste Pflege-Zusatzversicherung haben. Und drittens, weil wir dies technisch als einziger in dieser Geschwindigkeit realisieren können.

Und warum setzte ich weniger auf Ökosysteme? Die DFV immer noch klein, auch wenn ich mich im Jahr 2021 aller Voraussicht nach mit der CareFlex verdoppeln werde, setzen wir weiterhin auf Innovation was unsere Produkte anbelangt. Uns gelingt es derzeit im Jahr 100.000 Neukunden zu gewinnen. Ich glaube, auf diesem Spielfeld bin ich größer (was das Neukunden-Geschäft anbelangt) als die Zurich und die Baloise in Deutschland, oder die Allianz, Ergo und ähnliche große Gesellschaften. 

Insofern sage ich, während sich die anderen mit Ökosystemen beschäftigen, fokussiere ich mich auf innovative Produkte und kümmere mich darum wie ich diese innovativen Produkte an die Leute bekomme. Das ist meine Strategie und bis jetzt hat es ganz gut funktioniert, dabei will ich bleiben. Mit diesem Statement beende ich mein Vortrag. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

KHP: Herzlichen Dank Herr Dr. Knoll für den Einblick in die strategische Ausrichtung der Deutsche Familienversicherung und in die Erfolgsgeheimnisse. Sehr beeindruckend. Wir sprechen uns gleich in der Podiums-Diskussion. 


Kontakt

Dr. Stefan Knoll

Dr. Stefan M. Knoll, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Deutsche Familienversicherung

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/stefan-knoll-47667a172/

Karl Heinz Passler

Blog: www.insurtechtalk.com

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/karlheinzpassler/


Ressourcen 

Download der Unterlagen: https://www.zuehlke.com/de/de/ueber-uns/events-messen/insurance-strategy-talk/

Insurance Strategy Talk Community auf LinkedIn: https://www.linkedin.com/groups/8917476/

Webinar Video: 

PodCast: in Planung

Teil 1 Grundlagen Plattformen & Digitale Ökosysteme - Insurance Strategy Talk; https://insurtechtalk.substack.com/p/grundlagen-plattformen-and-digitale

Teil 2 Praxisbericht: Smart Home und Versicherung – Chancen und Hürden; https://insurtechtalk.substack.com/p/praxisbericht-smart-home-und-versicherung

Über die Deutsche Familienversicherung; https://www.deutsche-familienversicherung.de/ueber-uns/unternehmen/ und https://de.wikipedia.org/wiki/DFV_Deutsche_Familienversicherung

Ein Unternehmer als Unikat; https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/deutsche-familienversicherung-in-frankfurt-feiert-jubilaeum-14977575.html und https://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_M._Knoll

CareFlex die Pflegezusatzversicherung von Henkel;https://www.henkel.de/presse-und-medien/presseinformationen-und-pressemappen/2018-11-12-einzigartige-pflegeversicherung-fuer-henkel-mitarbeiter-890906undhttps://www.henkel.de/resource/blob/890982/fc375383747c6dc1f141b68814441c3f/2018-11-12-careflex-hintergrund-zahlen-und-fakten-zur-pflege-data.pdf